Rollstuhlbasketball-WM: Herren schaffen historische Top-4-Platzierung mit Luft nach oben

Freude und Frust lagen für das deutsche Herren-Team bei der Weltmeisterschaft dicht beieinander. Nach einem ungewöhnlichen Turnierstart mit einem 20:0-Sieg über Iran – Teile des Trainerstabs hatten kein Visum für Kanada erhalten, weshalb die iranische Mannschaft nicht antrat – bekam es die deutsche Auswahl mit Gastgeber Kanada zu tun.

In einem offensivstarken Spiel behielten die Deutschen souverän die Oberhand und fuhren einen 89:73-Sieg ein. Der darauffolgende Gegner aus Marokko konnte nur wenige Minuten mit der Mannschaft von Bundestrainer Jan Haller mithalten. Dabei bekam auch Youngster Jakob Krömer (Hannover United/Team BEB) seine ersten Spielminuten auf der großen Weltbühne. Mit sieben Punkten konnte er sich dabei auch in den Statistiken verewigen.

Mit dem 91:28-Erfolg ging es als Gruppensieger in das Achtelfinale gegen starke Kolumbianer. Die knappe Halbzeitführung von 34:27 konnte im letzten Viertel Punkt für Punkt ausgebaut werden. Headcoach Haller rotierte tief und schenkte auch der Bank in wichtigen Phasen des Spiels wertvolles Vertrauen. Am Ende stand ein 77:63-Erfolg.

Im Viertelfinale standen die Deutschen dem Gold-Gewinner der vergangenen drei Paralympics, den USA, gegenüber. Hier setzte die Mannschaft ein Ausrufezeichen: Mit einer bärenstarken Teamleistung über 40 Minuten in Offense und Defense bezwang Deutschland den Titelverteidiger aus den Vereinigten Staaten und schaffte damit die erste Teilnahme an einem Halbfinale seit 53 Jahren.

Drama im Halbfinale

Dramatischer hätte die erste Halbfinalteilnahme seit mehr als einem halben Jahrhundert kaum verlaufen können. Während es bei der letzten Begegnung zwischen Deutschland und Australien bei einer Weltmeisterschaft „nur“ um die Plätze sieben und acht gegangen war, standen diesmal eine sichere Medaille und die Teilnahme am Finale auf dem Spiel.

Die Deutschen brachten die Australier an den Rand einer Niederlage. Zu Beginn des vierten Viertels führte Deutschland mit 61:51. Dieser Vorsprung schmolz bis in die letzten drei Minuten auf 71:70. Auch ein Dreier von Nico Dreimüller zum 74:70 konnte die Australier nicht aufhalten. Bis zur Schlusssirene konnten sie jedoch ausgleichen und sich in die Overtime retten.

Es folgten fünf ausgeglichene, aber nervenaufreibende Minuten. Durch einen Ballverlust in den letzten 13 Sekunden ging Australien in Führung und stellte den bitteren Endstand von 83:84 aus deutscher Sicht her.

Im Spiel um Bronze ging es überraschenderweise gegen Großbritannien. Die Briten hatten ihr Halbfinale gegen den Underdog aus Italien verloren. Im kleinen Finale wurde Großbritannien seiner Favoritenrolle bereits in der ersten Halbzeit gerecht und führte trotz einer starken Anfangsphase der Deutschen mit 45:29. Auch ein kleiner Run zum Ende des Spiels reichte nicht mehr für die Wende. Deutschland unterlag mit 56:67.

Im späteren Finale zwischen Australien und Italien ließen die Spieler aus Down Under nichts anbrennen und schlugen die Südeuropäer deutlich mit 81:57.

Historischer vierter Platz für Deutschland

Für das deutsche Herren-Team endete die Weltmeisterschaft damit auf dem 4. Platz – ein historisches Ergebnis und gleichzeitig ein Turnier, das aufgrund der beiden knapp verpassten Medaillenchancen mit gemischten Gefühlen verbunden war.

Youngster Jakob Krömer blickte entsprechend mit gemischten Gefühlen auf seine erste Weltmeisterschaft: „Das Finale und eine Medaille so knapp verpasst zu haben ist natürlich sehr frustrierend, ich bin aber insgesamt trotzdem zufrieden mit dem Turnier. Vierter der Welt ist ein gutes und historisches Ergebnis.“

Auch Assistant Coach Martin Kluck (Landes- und Stützpunkttrainer Niedersachsen / Hannover United) musste das Turnier zunächst verarbeiten: „Ich bin wie das ganze Team hin und hergerissen zwischen Enttäuschung und Stolz. So mit den zwei verpassten Chancen, eine Medaille zu holen – gerade das Halbfinale war extrem bitter – jetzt ‚lediglich‘ Vierter zu sein, tut weh. Aber mit ein paar Tagen Abstand wird der Stolz darüber, in der Weltspitze angekommen zu sein, auf jeden Fall überwiegen.“

Gerade aus niedersächsischer Sicht gab es bei dieser Weltmeisterschaft einiges zu sehen: Jakob Krömer von Hannover United/Team BEB sammelte bei seiner ersten WM wertvolle Erfahrungen auf internationaler Bühne und konnte mit sieben Punkten direkt einen Akzent setzen. Auch Martin Kluck, Landes- und Stützpunkttrainer Niedersachsen, war als Assistant Coach Teil des deutschen Trainerteams. Für beide war es damit eine besondere Weltmeisterschaft – und für den deutschen Rollstuhlbasketball ein historischer vierter Platz.

Dagmar Dabrat
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