Phil Grolla

Alles auf Sprint

Der Blick ist hochkonzentriert, jede Faser seines Körpers ist gespannt, das Warten auf den Startschuss dauert eine gefühlte Ewigkeit. Wenn es endlich knallt, zeigt der sonst so zurückhaltende Sprinter, was in ihm steckt. 11,36 Sekunden benötigte Phil Grolla vom VfL Wolfsburg/Team BEB bei den Europameisterschaften über 100 Meter. Er verschlief ein wenig den Start, holte auf, kämpfte um jeden Meter und gewann in einem Wimpernschlagfinale die Bronzemedaille. Und damit nicht genug – wenige Tage später kam ein weiteres EM-Edelmetall dazu. Mit der 4 x 100-Meter-Staffel lief der 18-Jährige zu Gold und damit zum größten Erfolg seiner bisherigen Karriere. „Ich war vor dem Staffelstart nervöser als im Einzel. Es ist toll, im Team einen solchen Erfolg zu feiern. Die drei anderen Sprinter sind echte Granaten“, erzählt Phil Grolla mit strahlenden Augen. Der Gewinn der beiden EM-Medaillen ist der Lohn für eine Entscheidung, die ihm nicht unbedingt leicht gefallen ist. Denn Phil Grolla ist auch ein hervorragender Diskuswerfer, steht mit seiner aktuellen Bestweite in seiner Startklasse weltweit auf Rang zwei. Dass er sich dennoch auf den Sprint konzentriert, liegt daran, dass der Diskuswurf bei den Paralympics 2020 in Tokio in seiner Startklasse nicht im Wettkampfprogramm ist.

Mit sechs Jahren begann er mit der Leichtathletik. Schnell wurde sein Talent deutlich. Inzwischen absolviert Phil Grolla sechs Einheiten pro Woche. Hinzukommen Lehrgänge am Wochenende. Auf den Trainingsanlagen des VfL Wolfsburg findet er hervorragende Bedingungen vor. Was seine sportlichen Ziele angeht, ist der 18-Jährige, dem von Geburt an der linke Unterarm fehlt, jedoch zurückhaltend. „Eine Teilnahme bei den Paralympics in Tokio würde mich schon freuen. Die WM in Dubai im November wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Das klappt aber nur, wenn sich meine Sprintzeiten entsprechend entwickeln“, sagt er. Solange will er sich ausschließlich auf sich selbst konzentrieren und möglichst verletzungsfrei bleiben. „Vom Gefühl her geht über 100 Meter noch mehr – das war bei der EM noch nicht das Optimum.“

Heike Werner