Thomas Schäfer

„Dabei sein ist plötzlich nicht mehr alles“

Seine Augen leuchten, wenn Thomas Schäfer von Rio de Janeiro erzählt. Er scheint immer noch gefangen zu sein von den eindrucksvollen Ereignissen bei den Paralympics 2016. Nach dem, was er dort in Brasilien erlebt hat, ist das allerdings nicht verwunderlich. Der 36-jährige Radsportler von der RSG Nordharz/Team BEB durfte sich nach Monaten zwischen Hoffen und Bangen mit seiner Teilnahme an den Sommerspielen einen Traum erfüllen. Dass er im Straßenrennen schwer stürzte und dennoch als Zwölfter über die Ziellinie fuhr, schmälert die positiven Erinnerungen dabei in keinster Weise. „Das war der schönste Kurs, den ich je gefahren bin“, schwärmt er noch heute. Seinen siebten Platz im Zeitfahren empfindet er zudem als einen besonders großen Erfolg und als Bestätigung für seine Entscheidung, vom Mountainbike auf das Rennrad umzusteigen. Bei Mountainbike-Rennen gegen Nichtbehinderte hat er europaweit bereits Erfolge gefeiert. Zum Paracycling gelangte Thomas Schäfer, der mit Fehlbildungen am rechten Unterschenkel und am linken Fuß zur Welt kam, erst, nachdem er schon viele Jahre Mountainbike-Rennen gefahren war. „Über Tino Käsner, der selbst erfolgreicher Paracycler war, habe ich Kontakt zum Straßenradsport bekommen.“ Als Autodidakt war er ohne Trainer mit dem Rennrad unterwegs. Inzwischen folgt er einem straffen von seinem neuen Trainer Joseph Spindler erstellten Tagesplan und trainiert pro Woche etwa zehn bis zwölf Stunden. Das alles neben seinem Beruf als Fahrradverkäufer und seiner kleinen Familie. Ein erster Erfolg 2016: Silber beim Weltcup im Straßenrennen und Vierter im Zeitfahren. Die Zitterpartie hinsichtlich seiner Nominierung für Rio war zu diesem Zeitpunkt in vollem Gange. Erst als die russische Nationalmannschaft ausgeschlossen worden war, wurde er nachnominiert. Das war vier Wochen vor dem Beginn der Paralympics, und trotz aller Freude schlich sich das Gefühl ein, aufgrund des reduzierten Trainings der letzten Wochen nicht perfekt vorbereitet zu sein. Sonst wäre sogar eine Medaille möglich gewesen. „Dabei zu sein war plötzlich nicht mehr alles, dafür war mein Ehrgeiz zu groß.“ Grund genug, um in Tokio 2020 richtig anzugreifen und eine paralympische Medaille anzupeilen.

 

Heike Werner