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Vorbericht zu den X. Paralympics

Am 12. März 2010 werden in Vancouver die  X. Paralympics eröffnet. Dort werden bis zu 600 Athletinnen und Athleten an zehn Wettkampftagen um Edelmetalle kämpfen. Die Spiele dauern bis zum 21. März.

Dabei werden die Wettkämpfe an verschiedenen Orten ausgetragen: Die Wettbewerbe in den Sportarten Sledge-Eishockey und Curling finden in Vancouver statt. Zudem ist das BC Place Stadium in Vancouver Veranstaltungsort für die Eröffnungsfeier. Rund 125 Kilometer von Vancouver entfernt - in Whistler - liegt der zweite paralympische Standort. Hier starten die alpinen und nordischen Skiwettbewerbe sowie die Biathlonwettkämpfe. Die Fahrtzeit nach Whistler beträgt aus Vancouver aus circa zwei Stunden.

In Vancouver werden auch zwei Athleten aus Niedersachsen an den Start gehen.

Zum einen vertritt Josef Giesen (VfL Herzlake/Team BEB) die niedersächsischen Farben.

Der contergangeschädigte Mann kam 1994 erstmalig in Kontakt mit dem Langlauf: Bei einem Alpinwettkampf, der wegen Sturm ausfiel, nahm er stattdessen an der Landesmeisterschaft im Langlauf teil und wurde vom damaligen Bundestrainer angesprochen. Es folgte 1994 der Wechsel zum Langlauf und Biathlon. Dies war auch ein guter Zeitpunkt, so Giesen, denn die Unversehrtheit seiner zwei gesunden Beine wollte er beim riskanteren Alpinski nicht aufs Spiel setzen.

Das Josef Giesen gut auf die Spiele vorbereit ist, zeigen die ersten Resultate im paralympischen Winter. Im ersten Biathlon-Weltcuprennen der Saison 2009/10 gleich der erste Sieg: Josef Giesen war happy. „Das war für mich ein eigenes vorweihnachtliches Geschenk am vierten Advent“, kommentierte der nordische Behinderten-Skiläufer aus Herzlake seinen ersten Platz im Biathlon-Verfolgungsrennen von Sjusjoen (Norwegen). Mit dem Erfolg in der erstmals auch im Wettkampfprogramm der Paralympics in Vancouver stehenden Disziplin beseitigte der Doppel-Medaillengewinner der WM 2009 auch die allerletzten leisen Zweifel an der Nominierung für seine letzte internationale Großveranstaltung im März 2010.

Knapp am Edelmetall vorbei: Josef Giesen auf Platz vier

 

Biathlet Josef Giesen (VfL Herzlake/Team BEB) lief am ersten Wettkampftag der Paralympics in Vancouver in der 3 Kilometer Verfolgung in der stehenden Klasse knapp an einem Podestplatz vorbei. Trotz fehlerfreien Schießens bei schwierigen Windbedingungen gelang es ihm nicht, den Vorsprung von 47 Sekunden aus der Qualifikation zu halten, so dass er seine Führung nach der zweiten Schießeinlage abgeben musste. Besonders an der langen Steigung, die es auswärts des Biathlon Stadions im Whistler Paralympic Park zu bewältigen galt, verlor er auf beiden Runden wertvolle Zeit und jeweils einen Teil seines Vorsprungs, da er aufgrund seiner Behinderung keine Skistöcke benutzen kann. Der 48-Jährige wurde schließlich nach einem packenden Zielsprint Vierter und lag nur sieben Zehntelsekunden hinter dem Bronzemedaillengewinner Grygorii Vovchynskyi aus der Ukraine. Es siegte der Russe Kirill Mikhaylov vor Nils-Erik Ulset aus Norwegen. „Ich bin mit dem vierten Platz völlig zufrieden. Es ist zwar der Blechplatz, aber für mich ist das eine gute Leistung“, resümierte Giesen, der nun am Mittwoch, 17. März über die 12,5 Kilometer an den Start gehen wird. Start ist um 12:00 Uhr Ortszeit.

 


Thomas Nolte (MTV Braunschweig/Team BEB) ist der zweite Starter aus Niedersachsen.

 

Seine Spezialdisziplin ist das Slalom fahren, wodurch er in der Super-Kombination international vorn mitmischt. „Ich bin ein Allrounder“, sagt der amtierende Mannschaftsweltmeister, der in der Einzelwertung nur knapp am Edelmetall vorbei schrammte. Der 25jährige trainiert auch im Sommer bis zu acht Mal pro Woche für den Alpinsport.
Am 26. Februar geht es ins kanadische Vancouver, wo zwei Wochen später die Winter-Paralympics beginnen. Nachdem er vor vier Jahren bereits in Turin erstmals paralympische Luft schnuppern durfte, hat er sich für 2010 eines fest vorgenommen: „Wenn das Ziel keine Medaille wäre, bräuchte ich nicht mitzufahren. Das klappt aber nur, wenn ich mich nicht unter Druck setze und Spaß habe“, sagt er nachdrücklich.

Nebel verhindert Abfahrt

Die Wettbewerbe im Ski alpin, bei denen Thomas Nolte vom MTV Braunschweig/Team BEB auf der Startliste steht, wurden aufgrund schlechter Wetterbedingungen mit starkem Nebel abgesagt. Der für Sonntag geplante Super-G wird ebenso wie die entfallene Abfahrt etwa Mitte bis Ende der Woche nachgeholt. Die Slalomrennen finden dafür am Sonntag und Montag statt. Nolte wird sowohl beim Slalom und Riesenslalom sowie beim Super-G und der Superkombination an den Start gehen.

 

Wechsel der Generationen – das paralympische Feuer wird weitergereicht

 

Die 20. Paralympics in Vancouver vom 12. bis 21. März standen aus deutscher Sicht ganz im Zeichen des Generationenwechsels. Über viele Jahre erfolgreiche Sportler wie Alpin-Skifahrer Gerd Schönfelder oder auch Biathlet Frank Höfle bestritten nach zahlreichen errungenen Medaillen während der vergangenen Jahre und Jahrzehnte bei den diesjährigen kanadischen Winterspielen ihre letzten Rennen. Sie übergaben damit quasi das paralympische Feuer an die Jüngeren, wie die erst 17-jährige Anna Schaffelhuber, die bei ihren ersten Paralympics gleich zu Medaillenerfolgen kam und dem alpinen Skisport somit eine glänzende Zukunft voraussagt.

 

Vor diesem deutschlandweiten Trend macht auch Niedersachsen nicht Halt. Auch wenn unser Flächenland eher untypisch für Wintersportarten ist, so gibt es auch hier erfolgreiche Skifahrer, die es in der Vergangenheit bereits zu beachtlichen Erfolgen gebracht haben. Der herausragendste ist sicherlich der Contergan-geschädigte Josef Giesen (Team BEB), der mit seinen 48 Jahren im Whistler Paralympic Park nach einem sehr guten vierten Platz in der 3 Kilometer-Verfolgung schließlich das letzte Rennen seiner 15-jährigen Biathlon- und Langlaufkarriere mit einer Bronzemedaille im Biathlon krönte und es kaum glauben konnte: „Das ist das Allergrößte, so wirklich habe ich im Vorfeld nicht daran geglaubt.“ Sportartenübergreifend wird der Herzlaker nun von Thomas Nolte (Team BEB) abgelöst, der im Abfahrtswettbewerb der sitzenden Klasse in Whistler Creekside mit nur 0,7 Sekunden eine Medaille verpasste. Auch am letzten Wettkampftag brachte er sich im zweiten Lauf der Superkombination, dem Slalom, durch das Auslassen eines Tores kurz vor der Zieleinfahrt und anschließender Disqualifikation um eine hervorragende Platzierung. Dennoch hat der 25-Jährige bei seinen zweiten Winterspielen viele wertvolle Erfahrungen gesammelt, nicht zuletzt, was die Rahmenbedingungen angeht.

 

Wetterkapriolen beeinträchtigen Zeitplan

So hätten die Wettkampf-Bedingungen mit ihren Auswirkungen für die beiden Niedersachsen unterschiedlicher nicht sein können. Während die nordischen Skifahrer, und mit ihnen Josef Giesen, sich lediglich auf starken Schneefall einstellen mussten und ganz besonders die Ski-Techniker beim Präparieren des Materials auf die Probe gestellt wurden, hatten die alpinen Skifahrer mit ganz anderen Wetterkapriolen zu kämpfen. Schlechte Sicht durch Nebel und Niederschlag führten bereits im Vorfeld zu zahlreichen Trainingsausfällen und waren dafür verantwortlich, dass der gesamte erste Wettkampftag abgesagt werden musste. Die Folge: Der Zeitplan wurde komplett neu angesetzt und die Reihenfolge der Disziplinen getauscht.

 

Besonders für Thomas Nolte war dies eine Herausforderung. „In den Wochen vor den Spielen sind wir unter anderem beim Weltcup in Aspen hauptsächlich Speed gefahren, da war es für mich schwierig, mich plötzlich ohne Training auf kurze Schwünge und kurze Ski umzustellen“, erklärte der Monoskifahrer. Hinzu kam, dass er sich „von der Atmosphäre beeindrucken lassen“ hat, es „zu gut machen“ wollte und deshalb „mit angezogener Handbremse gefahren“ ist. Doch der 25-Jährige nahm sein Missgeschick sportlich, und blickt zuversichtlich in seine Zukunft. „Bei Paralympics zu starten, ist einfach etwas ganz anderes. Das Feld ist groß und die Leistungsdichte verdammt eng. Dieses Mal habe ich mich noch im Schatten der Großen ausgeruht, nächstes Mal wird das anders“, kündigte der Athlet des MTV Braunschweig mit Blick auf die Spiele im russischen Sotchi 2014 an.

 

In die Herzen der Zuschauer

Beide Niedersachsen haben sich bei den Spielen in Kanada im Wettkampf, in den Medien und gegenüber den Förderern des Behindertensports hervorragend präsentiert und trugen mit ihren Leistungen dazu bei, dass Deutschland in der Medaillenwertung den ersten Platz eingenommen hat. Und sie haben sich mit ihrer Teilnahme einen Traum erfüllt – Biathlet  Josef Giesen sogar in mehrfacher Hinsicht. Er gewann in seinem allerletzten Rennen eine Medaille, hatte sehr viel Spaß, lief sich durch seine sympathische Art in die Herzen der Zuschauer und geht wohl als Vorbild und als „Mann, der ohne Arme keinen Schuss verfehlt“ in die Geschichte des nordischen Skisports ein.

 

Heike Werner

 

         

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