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"Ja." Avni Kertmen aus Langenhagen hatte gehofft, sogar damit gerechnet, dass er “Behindertensportler Niedersachsens 2004“ wird. Deshalb antwortete der 42-Jährige so kurz und knapp, überzeugt und doch gerührt mit nur einem Wort, nachdem er auf die Bühne des GOP-Varietes gerufen worden war. 34.847 der insgesamt 73.734 Stimmen, fast 50 Prozent, waren für den
zweimaligen Badminton-Weltmeister abgegeben worden. Damit besaß er bei der Wahl, die vom Behindertensport-Verband Niedersachsen (BSN) organisiert und von NDR-Fernsehen und -Hörfunk, der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und X-City Medien begleitet worden war, einen gewaltigen Vorsprung. “Ich habe viel gewonnen, und ich habe noch mehr dafür gearbeitet“, erzählte der kleine und schmächtige Mann im Rollstuhl sitzend mit leiser Stimme. Kertmen, in der Türkei geboren, trägt seine Kraft und sein Selbstvertrauen im Herzen und nicht zur Schau. So wirkte er im Rampenlicht des Gala-Abends am
Donnerstag eher schüchtern neben der zu seinen Ehren versammelten Prominenz – allen voran Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, der die Siegestrophäe überreichte, und dem Leichtathleten Dieter Baumann (1992 Olympiasieger über 5000 m), der die Laudatio auf Kertmen hielt. Der Langenhagener ist eher der “Sportkamerad von nebenan“. Und Vorbild – vor allem, weil er Behinderten aus seinem Heimatland Mut macht, meint Sinan Yayici aus Hannover. “Im Rollstuhl zu sitzen, empfinden viele Türken immer noch als Schande. Sie verstecken sich deshalb zu Hause“, erzählt er. Dass der Behindertensport aber auch in Ankara und Istanbul allmählich ins Blickfeld gerät, zeigt ein Blick auf die Gästeliste: Zur Gala im GOP hatten sich auch die Norddeutschland-Korrespondenten der Zeitungen “Hürriyet“ und “Milliyet“ eingefunden, die Kertmens Wahl auch der türkischen Öffentlichkeit meldeten.
Doch nicht nur Avni Kertmen gewann an diesem Abend, alle sechs Kandidaten seien Sieger, betonte Festredner Baumann, “und zwar in doppelter Hinsicht. Sie sind alle große Lebensvorbilder wegen ihrer Erfolge. Und dass diese öffentlich
wahrgenommen und anerkannt werden, zeigt auch die enorme Beteiligung von mehr als 73.000 Menschen bei der Wahl.“ Genossen hat die intime Atmosphäre im GOP mit dem perfekten Gastgeber Werner Buss und seinen Künstlern auch
Ministerpräsident Wulff. “Genial“, fand er die Veranstaltung, und der Politiker gratulierte vor allem dem BSN-Vorsitzenden Heiner Rust: “40 000 Sportler in 500 Vereinen, der zweitgrößte Verband Deutschlands – das sind Zahlen, die für sich
sprechen.“ Wie vielfältig und bunt der Behindertensport zwischen Ems und Elbe ist, zeigte vor allem die Auswahl der sechs Kandidaten für den Sportler des Jahres: Da stand unweit des stillen, starken Siegers Kertmen der souverän auftretende Sledge-Eishockeypionier Gerd Bleidorn aus der Wedemark, der so viel über seinen Sport zu erzählen hatte. Es feierte Simone Kues, die kluge, nordisch-kühl wirkende Rollstuhl-Basketball-Spielerin aus Lüneburg, mit Dressurreiterin Anne Schricker aus Bad Bevensen, einer geradlinigen, resoluten Frau, der das Rampenlicht dennoch nicht geheuer war. Auch Triathlet Raimund Patzelt aus Oldenburg, eloquent und extravagant gekleidet, genoss den Abend ebenso wie der junge Schwimmer Valeri Schewtschenko aus Lohne. Der 19-Jährige, aus Russland stammend, war neben Kertmen der zweite Star des Abends. Frisch und unbefangen beantwortete er die Fragen des Moderators Andreas Kuhnt und prophezeite Hannover 96 ein 1:2 bei Borussia Mönchengladbach, ohne dass ihm dies im Publikum jemand übelnahm.
Und als der offizielle Teil der Gala mit heißen Rhythmen ausklang, da fing Schewtschenko an zu tanzen – frei, frech, frisch und mit ganz viel Fröhlichkeit.
Carsten Schmidt